Ein KI-Sofa versperrt die Treppe in einem leeren Haus, und seitdem liefere ich bei Immobilienbildern das Original mit
„Housefishing“ heißt das neue Wort für Inseratsfotos, die mehr versprechen als die Wohnung. New South Wales hat dagegen Regeln beschlossen, in Europa wird über den AI Act gestritten. Für jemanden, der Räume mit KI einrichtet, ist die Frage unbequemer, als sie klingt.
Am 22. September hat ein Nutzer aus Irland auf Reddit ein Inseratsfoto gezeigt, auf dem ein Sofa die Treppe blockiert. Das Haus war in Wirklichkeit leer. Die Möbel hatte eine KI hineingesetzt, und zwar so, dass darin niemand hätte wohnen können. Euronews hat den Fall am 25. September aufgegriffen und gefragt, ob die KI-Verordnung der EU solche Bilder stoppen kann. Im Englischen gibt es dafür inzwischen ein eigenes Wort: „Housefishing“.
Ich richte mit KI Räume ein. Für Immobilienkunden gehört das zu den Aufträgen, bei denen sich die Technik am direktesten bezahlt macht: leere Wohnung fotografieren, Möbel, Licht und Stimmung dazu, und das Exposé sieht nach Zuhause aus statt nach Übergabeprotokoll. Deshalb lese ich die Meldungen dieser Woche anders als ein Käufer.
Was gerade passiert ist
In Australien hat das Parlament von New South Wales im September neue Regeln für Mietanzeigen beschlossen. Laut SmartCompany müssen Vermieter und Makler digital erzeugte oder veränderte Bilder offenlegen, wenn diese „vernünftigerweise geeignet“ sind, in die Irre zu führen. Es drohen bis zu 22.000 australische Dollar, gelten soll das ab Anfang 2027. Erlaubt bleiben einfache Retuschen, das Wegnehmen von Alltagskram und der Tausch von Möbeln zum Schutz der Mieter. Was nicht mehr ohne Hinweis geht: totes Gras grün färben, die Küche umfärben, Räume größer wirken lassen, Schimmel oder Bauschäden wegretuschieren.
In Europa ist die Lage weniger klar. Euronews schreibt, ein „mit KI möbliertes“ Wohnungsbild gelte als teilweise KI-verändert und brauche ein sichtbares Transparenzsymbol. In Artikel 50 selbst habe ich ein solches Symbol nicht gefunden, und aus dem Artikel geht nicht hervor, worauf sich die Aussage stützt. Im Gesetzestext steht etwas anderes, das mir genügt: Wer einen Deepfake erzeugt, muss das offenlegen. Und Deepfake definiert die Verordnung in Artikel 3 Nummer 60 so, dass ausdrücklich auch „Orte“ und „Objekte“ gemeint sind, die fälschlich echt wirken. Eine reale Wohnung, die zum Verkauf steht, ist so ein Ort.
Die Durchsetzung bleibt laut Euronews das schwache Glied: Inserate verschwinden schnell wieder, und die Europäische Verbraucherorganisation BEUC warnt, dass sehr feine Änderungen ohne Hinweis durchrutschen können.
Wie verbreitet das ist
Eine Auswertung aus den USA, die HousingWire im Juni beschrieben hat, gibt eine Größenordnung. Die Plattform Coraly hat knapp 40.000 Hauptfotos von Zillow, Redfin, Realtor.com und Homes.com aus dem ersten Quartal geprüft. 10,8 Prozent waren digital verändert, bei über 90 Prozent davon fehlte ein Hinweis. Am häufigsten wurde der Himmel getauscht, bei 69 Prozent der veränderten Bilder. Virtuelle Möblierung lag bei 10 Prozent.
Der Himmel hat mich erwischt. Den tausche ich, seit ich Bilder bearbeite, und habe nie darüber nachgedacht, ob ein blauer Himmel über einem Haus eine Aussage über das Haus ist. Bei einer Wohnung mit Nordbalkon ist er das.
Was ich daraus mache
Ein Bild von einer erfundenen Wohnung ist ein Moodboard. Ein Bild von einer echten Wohnung, die verkauft oder vermietet werden soll, ist eine Behauptung über genau diese Wohnung. Dafür gilt bei mir ab jetzt eine einfache Trennung:
- —Möbel, Deko und Licht dürfen dazukommen. Das Bild trägt dann den Hinweis „virtuell eingerichtet“.
- —Wände, Böden, Fenster, Ausblick, Raumgröße und Zustand fasse ich nicht an. Auch keinen Himmel mehr, wenn er die Lage schöner macht, als sie ist.
- —Zu jedem bearbeiteten Bild liefere ich das unbearbeitete Original mit. Kalifornien verlangt das von Maklern seit Januar mit dem Gesetz AB 723 ohnehin. Ein Sofa vor der Treppe fällt im direkten Vergleich sofort auf.
Das Gegenargument
Virtuelles Einrichten gab es lange vor Bildmodellen, mit ganz normaler Bildbearbeitung. Wer jetzt sauber kennzeichnet, während der Makler nebenan es lässt, hat im Portal das sichtbar schwächere Angebot. Das ist ein echter Nachteil, und ich kann ihn niemandem wegreden.
Dazu kommt ein Fall, der zeigt, wie unsicher das Urteil über Echtheit ist. Laut PetaPixel hat die Regierung von New South Wales im September ein Inserat in Leichhardt als KI-manipuliert vorgeführt, weil durchs Fenster scheinbar Bondi Beach zu sehen war. Es war ein echtes Wandbild im Innenhof, für rund 5.000 Dollar in Auftrag gegeben. Die Agentur erklärte, das Foto sei weder mit KI noch mit sonst einer Software bearbeitet worden. Wer Täuschung nur am Bild erkennen will, liegt also auch in die andere Richtung daneben.
Beides stimmt. Mein Kunde ist trotzdem der Makler, und dessen Kunde ist der Mensch, der vor einer leeren Wohnung steht, nachdem er online ein Sofa gesehen hat. Den Ärger hat der Makler. Beim nächsten Auftrag überlegt er, wer ihm die Bilder gemacht hat. Ein Hinweis unter dem Foto kostet ein paar Sekunden. Ein Ruf als Bildlieferant für geschönte Inserate kostet Aufträge.
Zum Stand: Das ist eine Einordnung aus der Praxis und keine Rechtsberatung. Sie gibt den Stand vom 2. Oktober 2026 wieder. Wer Immobilienbilder mit KI bearbeiten lässt, sollte die Kennzeichnung im Einzelfall anwaltlich prüfen lassen.
Quellen
- https://www.euronews.com/2026/09/25/could-the-eu-ai-act-deter-housefishing-in-european-real-estate
- https://de.euronews.com/2026/09/25/stoppt-das-eu-ki-gesetz-housefishing-im-immobilienmarkt
- https://www.smartcompany.com.au/property/realty-check-nsw-demands-disclosures-for-ai-altered-property-photos/
- https://petapixel.com/2026/09/30/this-bizarre-real-estate-photo-got-caught-up-in-australias-ai-image-crackdown/
- https://www.housingwire.com/articles/most-ai-altered-listings-go-undisclosed-california-law-bans-it/
- https://artificialintelligenceact.eu/article/50/
- https://artificialintelligenceact.eu/article/3/
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